Das Kriegerdenkmal von Dr. Horst Wobig
Leider sagt die Inschrift nichts über das Land oder den Ort, in dem diese Männer
den Tod fanden; so bleibt es der Fantasie des Betrachters überlassen, sich das Sterben
dieser Männer auf den berüchtigten Schlachtfeldern des Krieges wie Tannenberg, Flandern
oder Verdun vorzustellen.
Was mögen die Einwohner Ravensteins gedacht haben, als sie das Denkmal 1919 einweihten?
Es gibt ein altes Foto von diesem Ereignis, auf diesem Foto sieht man die Männer
und Frauen in ihren Feiertagsgewändern, die Frauen in langen schwarzen Kleidern,
den Kopf mit einem Hut bedeckt, ganz nach der Mode der Kaiserzeit, die Männer im
Gehrock. Mein Großvater war sicher auch unter den Anwesenden, er hat den Krieg überlebt
und ist gesund heimgekehrt. Als pommerscher Bauer kannte er sich gut mit Pferden
aus und so diente er bei der Kavallerie als Stallbursche. Das ersparte ihm die vorderste
Front und die Notwendigkeit, auf andere Soldaten schiessen zu müssen, die den Sinn
dieses Krieges genau so wenig verstanden wie er.
Die Gedanken der Trauergesellschaft bei der Einweihung des Denkmals waren sicher
die, die Menschen immer bei solche Anlässen haben: Die einen sind voll Dankbarkeit
für die glückliche Heimkehr des Sohnes, Vaters, Bruders oder Onkels und die anderen
suchen verzweifelt nach einer Erklärung, warum der Sohn, Vater, Bruder oder Onkel
nicht zurückgekehrt ist. Und dann gab es da sicher noch die Festredner, die weltlichen
und die kirchlichen, die versuchten, den Trauernden die Sinnhaftigkeit des großen
Sterbens von 1914 bis 1918 verständlich zu machen. Die Inschrift auf dem Stein, wenn
auch schwer zu entziffern, gibt uns die Antwort auf die Frage nach dem Sinn:
Sie starben für das Vaterland.
Was ist des Deutschen Vaterland? So hatte Ernst Moritz Arndt etwa 100 Jahre vorher
gefragt, aber 1919 hat man es wohl gewusst, denn dieser Satz, in dieser oder ähnlicher
Form, findet sich auf allen Kriegerdenkmälern des Ersten Weltkrieges. Wahrscheinlich
haben es die Deutschen damals wirklich geglaubt und darin einen Trost gefunden. Heute,
in der Distanz von 80 Jahren, ist es nur schwer nachvollziehbar, welchen Stellenwert
dieser Begriff im Denken der damaligen Zeit hatte, insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt,
zu welchen Zwecken der Begriff Vaterland in der Zwischenzeit missbraucht wurde.

Ob sich die Trauergesellschaft vor der Ravensteiner Kirche bewusst war, warum diese
34 Männer in den Krieg und in den Tod geschickt wurden? Der Auslöser und der Beginn
dieses Krieges lässt sich in jeden Geschichtsbuch nachlesen: Weil ein serbischer
Nationalist den österreichischen Thronfolger in Sarajewo ermordete, meinte Österreich,
es müsse Serbien mit einem Militärschlag bestrafen. Aus Solidarität zu seinen slawischen
Brüdern meinte Russland, Serbien beistehen zu müssen, worauf Deutschland, um seinerseits
Österreich beizustehen, Russland den Krieg erklärte. Und damit begann der Krieg auf
ostpreußischem Boden zwischen Deutschland und Russland. Die Schuldfrage dieses Krieges
soll hier nicht weiter erörtert werden, für die Toten war sie unwichtig, und den
Hinterbliebenen gegenüber wurde sie, wie so oft in der Geschichte, mit Propagandalügen
kaschiert. Die Pommern haben es hingenommen, wie so oft in ihrer Geschichte. Der
preußische König Friedrich II, der Große, schreibt in seinem politischen Testament
1752 über die Pommern: Die Pommern haben einen geraden und schlichten Sinn. Unter
den Untertanen aller Provinzen eignen sie sich am besten für den Kriegsdienst wie
für alle anderen Ämter."
Und so haben pommersche Soldaten den König in den Siebenjährigen Krieg begleitet,
einen Krieg, den er selbst begonnen hat, um sich Sachsen und Schlesien anzueignen.
Als der Krieg vorbei war, war auch Pommern stark zerstört, etwa 70000 Tote waren
zu beklagen. Friedrich II. hat dann viel getan, um Pommern wieder aufzubauen, er
hat neue Dörfer gegründet, Siedler ins Land gerufen und finanzielle Hilfen gewährt.
Wegen dieser und anderer kultureller Leistungen wird er noch heute verehrt, und man
vergisst darüber, dass er es war, der den Krieg herbeigeführt hat.
Einmal haben sich Pommern nicht zum Spielball der Großen der Geschichte machen lassen.
Das im Jahr 1807, als sich die Stadt Kolberg unter Joachim Nettelbeck und von Greisenau
gegen die französischen Truppen wehrte, während der preußische König Friedrich Wilhelm
III. auf der Flucht nach Osten war und es vorzog, nicht für das Vaterland zu sterben.
82 Jahre liegt die Einweihung des Kriegerdenkmals in Ravenstein zurück und nur wenige
der ehemaligen Ravensteiner werden sich an den einen oder anderen der Toten erinnern.
Diese 34 Männer, sie starben nicht für das Vaterland, sie starben für Sarajewo, für
den Nationalismus der Serben, für die Arroganz der Mächtigen, für die Unfähigkeit
der damaligen politischen Klasse, den Frieden zu bewahren. Es wäre alles Geschichte
und für die Heutigen ohne Belang, würden uns nicht die Ereignisse auf dem Balkan
auf fatale Weise an 1914 erinnern. Im Gegensatz zu damals konnte zwar der große Konflikt
vermieden werden, aber jetzt sind deutsche Soldaten in Bosnien und im Kosovo für
friedenserhaltende Maßnahmen stationiert. Falls die deutsche Regierung diese Soldaten
auch in Kampfeinsätze schickt, was ja so elegant mit friedenschaffende Massnahme
umschrieben wird, und falls es die ersten Toten gibt, was soll man dann auf die Grabkreuze
schreiben?
Das Kriegerdenkmal in Ravenstein existiert nicht mehr; eine Straße führt über die
Stelle hinweg, an der es einmal stand. Für die Ravensteiner Toten des Zweiten Weltkrieges
wurde kein Denkmal mehr errichtet, ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, ihre Namen
sind auf verschiedenen Gedenktafeln in ganz Deutschland verstreut. Ihr Tod war noch
sinnloser als der derjenigen auf der obigen Liste. Als Ravenstein am 1.März 1945
von russischen Truppen gestürmt wurde, haben es Freiwillige der SS-Division Nederland
verteidigt, junge Männer aus den Niederlanden. Sie wurden einfach überrollt, wie
es in einem Bericht heisst. Sie starben für Ravenstein, ihre Zahl und ihre Namen
sind unbekannt.
Die Gefallenen des Ersten Weltkrieges: